Rede von Alois Glück
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Rede von Alois Glück anläßlich der Eröffnung der Sonderausstellung „Regionalität bewahrt wertvolle Vielfalt“ im Museum Mensch und Natur, München, am 4. Oktober 2011Liebe Damen und Herren, Ich freue mich sehr, wieder einmal im Kreis dieser engagierten Menschen von UNSER LAND zu sein. Ich begleite diese Initiative schon eine lange Zeit und ich bin immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie sehr es dieser Gemeinschaft gelingt, zwei Dinge miteinander zu verbinden. Die notwendige Sachkompetenz, um erfolgreich zu handeln, eine Sachkompetenz sowohl in Fragen der Natur, das sieht man auch im Zusammenhang mit der Ausstellung heute, ebenso aber auch kompetent zu handeln unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Strukturen, also den Bedingungen des realen Lebens unserer Zeit. |
All das ist geprägt von einer inneren Überzeugung, nicht nur so zu handeln, weil es interessant für den Markt ist, sondern weil sich damit Werte verbinden, Überzeugungen sowohl auf den Menschen, wie auch bezogen auf die Produkte, auf das Lebendige, mit dem man umgeht. Und darauf kommt es ja letztlich ganz entscheidend an, auf die Kombination von Werten und von Kompetenz.
Wir erleben zu häufig eine Trennung dieser beiden Bereiche. Die einen, die oft hohe Werte haben, sehr gesinnungsstark sind, sich aber nicht der Mühe unterziehen, sich die notwendige Kompetenz zu erwerben, um sachgerecht und erfolgreich handeln zu können. Hier ist immer die Versuchung sehr groß, sich auf einen moralischen Hochsitz zu setzen. Und wo die Tendenz ist, dass die Sachdebatten in „Gut“ und „Böse“ sortiert werden ist dies immer ein untrügliches Zeichen, dass genau diese notwendige Sachbezogenheit nicht stattfindet. Andere handeln rein pragmatisch nur für den Moment der Nützlichkeit und des momentanen Erfolgs. Ich bekomme gerade mit, dass ein Generationenwechsel in der Führung vollzogen worden ist. Auch das ist ein gutes Lebenszeichen. Und liebe Frau Seiltz und die anderen Mitstreiter dieser Generation, ich hoffe, dass Sie auch andere Gelegenheiten finden werden, das zu würdigen oder zu feiern. Ich wünsche der neuen Mannschaft auch diese innere Leidenschaft, die Ausdauer, den langen Atem, aber auch die notwendige Unterstützung und Ermutigung, die man braucht, um so etwas auf Dauer entsprechend gestalten zu können.
Der Naturschutz hat einen Lernprozess durchgemacht. Ich zähle ja zu den älteren Menschen, die das im politischen Raum von Anfang an miterlebt haben. 1970 war gewissermaßen der politische Durchbruch für den Natur und Umweltschutz. Damals war es primär der Naturschutz. Es war das europäische Naturschutzjahr. Naturschutz ist ähnlich verstanden worden wie der Denkmalschutz, nämlich in erster Linie Wertvolles erhalten und schützen, was für sich schon einmal wichtig war.
Insofern war eine enge Gedankenverbindung da zwischen dem Heimatgedanken und dem Naturschutz. Aber im Lernprozess hat man schnell erkannt, es reicht nicht, nur eine bedrohte Art zu schützen, wenn nicht der benötigte Lebensraum da ist, wenn die Nahrungsmittelkette nicht mehr gewährleistet ist. Es reicht beispielsweise nicht, ein Jagdverbot auszusprechen. Über den Lernprozess, dass in der Natur alles in Lebensgemeinschaften ist, in Zusammenhängen bekam das gesamte Denken der Ökologie mit ihren Erkenntnissen, mit ihrem Bemühen einer ganzheitlichen Sichtweise eine prägende Wirkung für die Entwicklungen im Naturschutz, in den Naturschutzdebatten und auch in der Politik. Trotzdem ist es nach wie vor so, und irgendwie ist es auch menschlich, dass halt viele ihr „Lieblingsstück“ in der Natur haben, dies dann als das Ganze gewissermaßen sehen für die Natur. Daraus ist oft ein großes Engagement begründet und ist insofern auch gut.
Aber es wirft natürlich auch Probleme auf, wenn nicht mehr eine ganzheitliche Sicht das Ziel und der Maßstab der Dinge ist. Das gilt für viele andere Bereiche auch. Das gilt gerade auch für die aktuellen Energiedebatten: Es ist es ganz, ganz wichtig, dass wir in Gesamtbilanzen denken, vom Anfang bis zum Ende, von der Erstellung eines Produktes oder eines Trägers oder Produzenten von Energie bis zur Entsorgung. Der prägende Geist unserer Zeit ist kurzfristig und der kurzfristige Erfolg. Die Alternative ist Nachhaltigkeit. Das ist längerfristiges Denken und eben auch ganzheitliches Denken.
Bei dem, was uns heute hier zusammenführt, steht genau das im Mittelpunkt. Die Artenvielfalt, die Bedeutung der Vielfalt als ein inneres Gesetz der Natur. Vielfalt bedeutet Stabilität, Vielfalt bedeutet viel lebendige innere Kraft, Vielfalt bedeutet großes Genpotential, Vielfalt ist ein wichtiges Lebensgesetz in allen Bereichen. Wo die „Einfalt“ steht ist immer Verarmung. Bei Produkten, in der Natur, im Kulturellen. Vielfalt hat in sich den Reichtum schöpferischer Kraft, hat den Reichtum von Potentialen. Das fordert uns heraus in Zusammenhängen zu denken, nicht nur punktuelle Lösungen zu finden. Das ist letztlich der Schlüssel zum Verständnis, der Bedeutung von Biodiversität, wie es fachlich heißt, oder einfacher ausgedrückt Artenvielfalt.
Klimaschutz reduziert sich im Verständnis sehr häufig auf Luftreinhaltung. Das ist ein ganz wichtiger Bereich und der ganze CO2 Aspekt ist ein Schlüsselaspekt. Aber damit alleine können wir die Stabilität des Naturhaushaltes nicht erreichen. Nach meiner Einschätzung wird die ganze Bedeutung von Artenvielfalt, Biodiversität bei uns und weltweit in seiner Bedeutung nach wie vor nicht richtig erkannt und damit weit unterbewertet. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass uns in der Umwelt- und Naturschutzpolitik seit jeher begleitet: Naturschutz ist argumentativ schwieriger. Ich nenne als Beispiel die Luftreinhaltung. Hier können wir messen, wiegen, zählen. Das kann man sehr exakt ermitteln. Die Bedeutung von Arten, die kann man nicht rechnen, messen oder in Zahlen genau gewichten. Deswegen hat es z.B. der Naturschutz seit jeher bei Genehmigungsverfahren schwerer als der technische Umweltschutz. Der technische Umweltschutz operiert mit Zahlen, mit Messkategorien etc. So können wir die Bedeutung von Pflanzen, die Bedeutung von Artenvielfalt, die Schönheit der Landschaft natürlich nicht stark auf das Zählbare, Messbare ausrichten. Trotzdem ist es unendlich wichtig.
Es hat ja auch Versuche gegeben, den Wert einer Pflanze oder von einem Vogel gewissermaßen auch materiell auszudrücken. Also was ist ein Singvogel wert oder eine Pflanze, materiell umgerechnet, ausgedrückt in ihrer Bedeutung für die Natur, für Stabilität, für einen Lebensraum? Das ist aber aus zwei Gründen gescheitert. Einmal weil sich das exakt so nicht erfassen lässt. Da muss man immer irgendwelche Daten annehmen, unterstellen. Zweitens ist es ein gefährlicher Irrweg. Damit wird gleichzeitig etwas verschüttet, was unverzichtbar wichtig ist, nämlich, dass wir immer wieder aufs Neue lernen, das auch zu schätzen, zu schützen, wertzuschätzen, was nicht mit den Kategorien des Messbaren erfassbar ist. Das ist wichtig für unsere Kinder, aber auch die Bürger der modernen Zivilisation, die zunehmend der Natur entfremdet sind.Wenn in einer Zivilisation nur das etwas wert, was man materiell ausdrücken kann, ist das alles eine unglaubliche Verarmung.
Wichtig ist auch der Blick auf die Umwelterziehung. Es ist wichtig Wissen zu vermitteln über die
Bedeutung von Artenvielfalt, Zusammenhänge herzustellen, nachvollziehbar zu machen, was dazu alles an Fakten bekannt ist. Aber es ist ebenso wichtig, die andere Dimension des Lebendigen, den Eigenwert alles Lebenden, ob Pflanzen oder Tiere zu vermitteln, zu erschließen und damit letztlich eine Dimension, die man nicht mehr mit einer Kategorie von Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit darstellen kann, in einer Kategorie, die man letztlich auch so bezeichnen kann: Ehrfurcht vor dem Lebendigen, Ehrfurcht vor dem Lebenden, Ehrfurcht vor der Kreatur. Das ist eine ganz besondere Herausforderung in der Erziehung: Kindern, aber auch Erwachsenen immer wieder aufs Neue diese Dimension zu erschließen, so wie man Menschen den Zugang zu Kunst und Kultur erschließt.
Es lohnt sehr, sich immer wieder den Kopf darüber zu zerbrechen, wie kann das für die Menschen von heute gelingen. Denn nur mit den Kategorien des Wissens werden wir nicht die Kraft haben, auch den notwendigen Schutz und die notwendigen Begrenzungen zu realisieren. Wir werden auch nicht die richtige Beziehung finden zum Umgang mit der Kreatur, zum Umgang mit dem Lebendigen.
Es braucht auch die Dimension des Erlebnisses. Diese emotionale Tiefendimension. Es ist aber so, dass viele Menschen zu diesem Naturerleben nicht mehr richtig fähig sind. Die Beziehung zum Lebendigen, der Schutz des Lebendigen, den Umgang damit – über diesen Themenkreis wird sich auch entscheiden, wie sich unsere Zivilisation weiter entwickelt.
Ein Schlüsselthema, das mit diesem Thema der Biodiversität in enger Verbindung steht, ist heute Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein ökologisches Thema. Nachhaltigkeit ist grundsätzlich vor allem die Bereitschaft, längerfristig zu denken und Zukunftsverantwortung zu übernehmen. Dies ist eine sachliche Herausforderung. Wie müssen wir sachlich richtig handeln? Ist die Art wie wir leben längerfristig tragfähig? Aber zu allererst ist es wieder eine ethische Herausforderung. In einem Vergleich gesprochen: Mit einer Lebenshaltung ‚Hauptsache mir geht es gut‘ kann keine Kraft wachsen für Selbstbegrenzung. Warum sollte sich dann jemand selbst begrenzen? Kurt Biedenkopf hat in seinem vorletzten Buch „Die Ausbeutung der Enkel“ geschrieben, die Geschichte lehrt uns, auf Dauer haben nur Kulturen und Zivilisationen eine Zukunft, wenn sie die Kraft zur Selbstbegrenzung haben.
Woher nehmen Menschen, ein Volk die Kraft, sich wie Eltern zu verhalten, die um der Zukunft ihrer Kinder willen auf etwas verzichten, was nicht lebensnotwendig ist. An dieser Fähigkeit der Selbstbegrenzung wird sich möglicherweise unsere Zukunft entscheiden. Christlich gesprochen ist es die Tugend des Maßes.
Deshalb wird das große Thema Nachhaltigkeit im Sinne von längerfristigem Denken, Zukunftsverantwortung übernehmen, Lebensstile und Wirtschaftsweisen entwickeln, die auch langfristig tragfähig sind, sowohl sozial wie auch ökonomisch, die große Aufgabe der nächsten Jahrzehnte sein. Artenvielfalt ist dazu ein wichtiger Beitrag. Und Regionalität, denn alles geschieht ja irgendwo konkret. Es ist ja immer viel einfacher, gegenüber dem Übernächsten sozial eingestellt zu sein, als sich sozial gegenüber dem Nächsten zu verhalten. Es ist sehr viel einfacher, von den globalen Themen zu reden wie lokal konkret zu handeln, aber alles im Leben ist letztlich konkret. Hier geschieht vieles über die regionalen Initiativen wie UNSER LAND. Hier geschieht es über Projekte
wie Streuobst. Ein solches Beispiel erleben wir heute. Dafür sind wir dankbar und ich wünsche viel Resonanz für die Ausstellung.
Von Alois Glück, Schirmherr des Netzwerks UNSER LAND,
Präsident des Bay. Landtages a.d.
Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK)
anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung „Regionalität bewahrt wertvolle Vielfalt“ im Museum Mensch und Natur, München, am 4. Oktober 2011
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